Netzwerke, Communities, Peer Learning oder soziales Lernen – egal, wo man hinhört, früher oder später tauchen diese Begriffe auf, wenn es darum geht, wie Organisationen und ihre Mitglieder mit rasch wechselnden und unsicheren Umwelten umgehen und sich auf neue Anforderungen einstellen können. Der Gedanke dahinter ist, dass diverse Netzwerke neue Trends und damit verbundene Fragestellungen rasch aufnehmen, durch breite Expertise und unterschiedliche Perspektiven explizites und implizites Wissen zusammenführen und dadurch neue Ideen und Lösungen entstehen lassen können. Das spricht auch Hochschulen an, wie zunehmend zu beobachten ist (als Beispiele siehe die HEM-Bürgenstock-Konferenz 2026 oder die aktuelle Förderausschreibung «Lehrbezogene Netzwerke» der Stiftung Innovation in der Hochschullehre).
Ich selbst bin eine grosse Verfechterin von persönlichen Lernnetzwerken. Ich teile mein Wissen, wann immer ich kann, und habe selbst unzählige Male vom Wissen anderer oder Gesprächen profitiert. Weiter geht es, wenn Menschen eine «social learning community» bilden, das heisst sich regelmässig austauschen, diskutieren, von- und miteinander lernen und neues Wissen entstehen lässt. Dies kann virtuell oder vor Ort, geplant oder ungeplant, in strukturierten Gefässen oder informell passieren. Dann profitiert nicht nur der Einzelne, sondern die Community als Ganzes.
Nun wünschen sich aber Organisationen, Initiatoren und auch Mitglieder von Communities noch mehr. Sie möchten, dass das, was den Teilnehmenden zu Gute kommt, sich auf das Umfeld und die ganze Organisation auswirkt. Dass die Community als Katalysator wirkt, um die Entwicklung oder gar Transformation der Organisation voranzutreiben. Dass sie Wirkung erzielt.
Und damit stellt sich die Frage: Wie kann man überhaupt evaluieren, welche Wirkung Netzwerke beziehungsweise Communities haben?
Wirkmodelle zur Unterstützung von Evaluationen
Um den Effekt einer Massnahme bewerten zu können, sollte Klarheit über die Zielsetzung und mögliche Wirkmechanismen bestehen. Ein logisches Modell beschreibt dafür in vereinfachter Form Ausgangslage, Massnahme und Ziele bzw Resultate.

Ein Wirkmodell geht weiter und differenziert zwischen Input, Output, Outcome und Impact. Dabei ist Output, vereinfacht beschrieben, das quantitative Ergebnis des Massnahme, Outcome der Effekt auf die Zielgruppe und Impact die grössere Wirkung auf Organisation, Gesellschaft oder Umwelt.

Je nach Grösse und Komplexität können diese Stufen noch weiter differenziert werden, zum Beispiel zeitlich (sofortig und langfristig), auf die Zielgruppe bezogen (vermittelnde Personen und eigentliche Zielgruppe) oder gemäss der Wirkungsdimension. Für eine Massnahme im Bereich Personal- und Organisationsentwicklung kann ein solches Wirkmodell dann beispielsweise so aussehen:

Das Value-Creation Framework für Communities of Practices
Communities of Practices (CoP) sind eine Form von Communities, welche charakterisiert sind durch einen gemeinsamen Interessensbereich, Beziehung und Aktivitäten, und der Entwicklung einer Praxis, also Handlungsorientierung im Sinne beispielsweise gemeinsamer Problemlösung und Erstellung von Best Practices. CoPs sind ein wichtiges Beispiel von Gefässen sozialen Lernens und werden sowohl als Element des Wissensmanagement als auch der beruflichen Weiterentwicklung angesehen.
Um die Wirkung von sozialen Lernprozessen in Communities of Practices zu bewerten, haben Wenger-Trayner et al. (2017) auf Grundlage ihrer jahrelanger Arbeit im Bereich sozialen Lernens und CoPs das Value-Creation Framework entwickelt. Das Modell differenziert dabei die Ebenen Outcome und Impact mit insgesamt sieben Stufen:

Unmittelbarer Wert: Wert, der für die Beteiligten direkt während der sozialen Interaktion entsteht, wie Freude und Gemeinschaftsgefühl
Potenzieller Wert: Wachsendes Wissen und zunehmende Handlungsoptionen, wie durch den Zugang zu Ressourcen oder neuen Kontakten, oder durch neue Ideen
Angewandter Wert: Aktuelle Veränderungen in der eigenen Praxis, wie die Nutzung neuer Ressourcen oder der Implementation neuer Lehraktivitäten
Realisierter Wert: Ausmaß, in dem die Veränderungen in der Praxis weiterreichende Veränderung in der eigenen Umgebung bewirken, wie die Entwicklung einer neuen Haltung im Studiengang
Transformierender Wert: Veränderungen im breiteren Umfeld, wie die Implementation neuer Prozesse am Departement
Strategischer Wert: Einbezug relevanter Stakeholder und daraus folgenden (strategischen) Veränderungen, wie der Entwicklung neuer Policies an der Hochschule
Ermöglichender Wert: Kompetenz der Teilhabenden, soziales Lernen selbst zu ermöglichen und zu unterstützen, wie die Entwicklung kleinerer CoPs im eigenen Departement
Diese ganzheitliche Betrachtung verschiedener Wertschöpfungsstufen von Communities ermöglicht es, diese differenziert zu analysieren und bewerten, was bereits vielfach genutzt wurde (für Referenzen siehe Schlatter et al., 2025).
Anwendung am Beispiel EduAI@FHNW
Die EduAI@FHWN Community wurde 2023 gegründet, um Personen an der FHNW die Möglichkeit zu geben, sich zum Thema KI in der Lehre auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsam neuen Praktiken zu entwickeln. Ende 2024 haben wir die Community evaluiert und unter anderem das Value-Creation-Framework genutzt, um zu bewerten, welche Arten von Wertschöpfung sie auf individueller und organisationaler Ebene erzeugt. Dazu wurden für sechs der Wertschöpfungsschlaufen zwei bis drei Aussagen formuliert, die von den Teilnehmenden auf einer 4-stufigen Likert-Skala bewertet wurden.

Unsere Befragung zeigte klar, dass sich das Value-Creation Framework ausgezeichnet für die Evaluation von Communities eignet, in dem es sowohl bei der Gestaltung von Fragen als auch der Interpretation der Resultate ein präzises Bild des Wertschöpfungsgrads einer Community ermöglicht.
Die Resultate selbst zeigten, dass unsere CoP “EduAI@FHNW” einen primär unmittelbaren und potentiellen Wert erzeugt, aber kaum darüber hinausgeht. Dieser Effekt ist in der Literatur bereits vielfach beschrieben. Als Gründe dafür werden nebst einer anzunehmenden zeitlichen Verzögerung meist die fehlende Ausrichtung auf und Einbettung in übergeordnete strategische Projekte, Prozesse und Strukturen und damit einhergehende fehlende institutionelle Unterstützung aufgeführt. Der manchmal geäusserte Vorwurf, Communities oder Netzwerke hätten „keine Wirkung“ oder der Aufwand stehe in keinem Verhältnis zum Ertrag, sollte deswegen kritisch hinterfragt und mit dem organisationalen Beitrag zur Verstetigung in Bezug gesetzt werden. Auch für diese Diskussion kann das value-creation framework durch sein Element “strategischer Wert” wertvolle Dienste tun.
Fazit
Wirkmodelle ermöglichen es, Massnahmen klar zu verorten und ihre Wirkung systematisch zu prüfen. Das Value-Creation-Framework von Wenger-Trayner et al. (2017) als Wirkmodell für Communities of Practices und andere Formate des sozialen Lernens hat sich dabei als äusserst wertvolles Werkzeug für die Evaluation solcher bewiesen, insbesondere bei der Gestaltung der Fragen, der Interpretation der Resultate und der Diskussion derjenigen.
Referenzen
Berg, A.-K., Schulte, E.-M., Schultz, A., & Kauffeld, S. (2023). Transformationsprozesse gestalten und evaluieren: Wirkmodelle als Ansatz um strategische Personalentwicklung mit Organisationsentwicklung zu verbinden. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 54(3), 371–389. https://doi.org/10.1007/s11612-023-00695-4
Wenger-Trayner, B., Wenger-Trayner, E., Cameron, J., Eryigit-Madzwamuse, S., & Hart, A. (2017). Boundaries and Boundary Objects: An Evaluation Framework for Mixed Methods Research. Journal of Mixed Methods Research, 13(3), 321–338. https://doi.org/10.1177/1558689817732225
Schlatter, M., Tschopp, D., Fischer, R., Felder, J., & Thüring, J. (o. J.). Künstliche Intelligenz und Hochschullehre: Der Beitrag von Communities of Practice für einen konstruktiven Umgang am Beispiel von EduAI@FHNW. Impact Free: Journal für freie Bildungswissenschaftler, 65. Abgerufen 30. November 2025, von https://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2025/188621/
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