Was braucht es, damit Lehrprojekte nicht nur umgesetzt, sondern erfolgreiche Projekte auch breitere Anwendung finden und eine Weiterentwicklung der Lehr/Lern-Kultur unterstützt wird?

In seinem Vortrag Die Hochschule ist wie ein Tanker: Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen von Lehrinnovation an Universitäten stellt Tobias Jenert der Universität Paderborn dazu Überlegungen an. Er führt, basierend auf Studien zur Wirksamkeit hochschuldidaktischer Angebote, aus, dass diese überwiegend positive Effekte auf die Zufriedenheit und den (wahrgenommenen) Kompetenzerwerb der Teilnehmenden haben und sie auch zu Änderungen der eigenen Lehrpraxis führen- speziell, wenn sie sehr transferbezogen gestaltet sind. Diese angestossenen Änderungen der Lehrpraxis blieben aber meist isolierte Initiativen und waren selten nachhaltig oder sogar umsichgreifend, und so konnten insgesamt nur wenig Auswirkungen hochschuldidaktischer Weiterbildung auf Lehrstrukturen und die Lehr/Lernkultur der Hochschule beobachtet werden. 

Gründe dafür sieht er mehrfach: Von Widerstand aufgrund der „Verlässlichkeit des Studienangebotes als Element der Studierbarkeit“, universitären Vorgaben wie zum Beispiel der Gestaltung von Studienleistungen, Zugänglichkeit zu Räumen oder Hilfsmitteln und zuletzt lernkulturellen Normen in den verschiedenen Departementen oder Instituten.

Lehrvorhaben, die über kleinere Anpassungen in der eigenen Veranstaltung hinausgehen oder breiter implementiert werden sollen, involvieren also bald einmal verschiedenste Stellen: Lehrkollegen (zB aufgrund nötiger Abstimmungen), Services (wie zB der Raumverwaltung), Administration (zB bezüglich der Noteneingabe), Studiengangleitende (zB bei Ressourcenfragen) oder ganze Gremien (zB in Bezug auf dem Umgang mit Vorgaben). 

Um Lehrvorhaben umzusetzen oder für deren Dissemination zu sorgen, braucht es also viel mehr als hochschuldidaktische Kompetenzen. Es braucht Kenntnisse der formalen und informellen Strukturen der Hochschule und ein gewisses strategisches Geschick. Und genau hier kann die Hochschuldidaktik wertvolle Dienste leisten. Als Teil des Third Space ist sie an einer zentralen Position der Hochschule und weiss, wer wann zu welchem Thema angesprochen und involviert werden sollte, und auch, wie dies bestenfalls geschehen kann. Sie kennt die Kontaktstruktur der Organisation.

Unter der Kontaktstruktur einer Organisation können sämtliche Kommunikationswege darin verstanden werden- sowohl die offiziellen (formalen, das heisst den Prozessen, Organigrammen oder Gremienstrukturen folgenden) als auch die inoffiziellen- der kurze Dienstweg, die persönlichen Telefonleitungen, die Orte des Flurfunks. Dabei kommt den Zweiteren eine spezielle Bedeutung zu: Hier können Ideen erprobt werden, bevor sie offiziell vorgestellt werden. Hier können rasch Informationen ausgetauscht werden, die für ein Projekt relevant sind. Und hier können Entscheidungen vorbereitet werden, bevor sie auf der offiziellen Traktandenliste stehen. Solche Kontaktstrukturen können Prozesse massiv beschleunigen und (zu viele) Schlaufen vermeiden.

Gerade in lose gekoppelten Systemen wie einer Hochschule ist die Kenntnis der gesamten Kontaktstruktur bedeutsam, da es weniger formale Beziehungen gibt oder diese sich auf das eigene Departement, das eigene Institut beschränken. Die Hochschuldidaktik kennt diese Verbindungen, auch über einzelne, lose gekoppelte Systeme hinaus, oder sie ist sogar selbst eine der Koppelungen. Sie kann daher Lehrende unterstützen, die für die Umsetzung eines grösseren Lehrprojektes notwendigen Netzwerke aufzubauen und dazu beitragen, dass diese bekannt, akzeptiert und breiter implementiert werden.

Die Rolle der Hochschuldidaktik sollte sich daher nie nur auf das Anbieten von Weiterbildungen und damit der Befähigung einzelner Lehrenden beschränken. Um zu einer langfristigen Entwicklung der Lehr-Lernkultur einer Hochschule beizutragen, ist zwingend ein Rollenverständnis als Netzwerker und Ermöglicher nötig. Oder anders gesagt: Die Nutzung der Superkraft „Kontaktstruktur“!

PS: Als ein Beitrag zum Kommunikationssystem unserer Hochschulen betreibt unser Didaktik-Zentrum einen Blog, auf dem unsere Lehrenden ihre Lehrprojekte vorstellen können.

„Die Hochschule ist wie ein Tanker“: Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen von Lehrinnovation an Universitäten; Tobias Jenert, 2018

Was zeichnet Kontaktstruktur aus– Suchscheinwerfer der Organisationskultur, Metaplan, 2024

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