4 Voraussetzungen für PLEs in der Lehre

Aus Anlass der Buchveröffentlichung „Weiterbildung an Hochschulen“ war auf dem Blog der PHZH ein älterer Beitrag (Sep 16) von Philippe Wampfler verlinkt.

Er spricht darin persönlichen Lernumgebungen/Personal Learning Environments (PLEs) an: Lernende dokumentieren ihre Lernprozesse im Austausch mit Fachpersonen und anderen Lernenden in selbstgestrickten Umgebungen. Die Rolle der Sozialen Medien ist dabei die des Kitt zwischen verschiedenen geschlossenen Systemen, in denen sich die Teilnehmenden bereits aufhalten. Wenn möglich soll die Wahl der Tools und Formate den Lernenden überlassen werden. Dozierende regen einen Austausch über informelle und berufliche Lernprozesse an und bieten Angebote zur Verknüpfung unter den Lernenden an.

MindMap Darstellung einer PLE. Aus „Demenz oder Doping?“ von Philippe Wampfler

Das klingt zunächst einmal sehr überzeugend. Die Erstellung einer persönliche Lernumgebung ist für selbst-bestimmtes Lernen unabdingbar, welches wiederum ein essentieller Bestandteil des lebenslangen Lernens ist. Aus meiner Sicht eine der wichtigsten Kompetenzen, welche wir Lernenden aller Altersklassen heute näher bringen müssen. Eine persönliche Lernumgebung geht einher mit einer persönlichen Plattform, auf der die Lernprozesse- ich möchte es lieber „Einsichten“ nennen- sichtbar werden. Diese ist gleichzeitig ein digitales Portfolio des Lernenden und ermöglicht ihm eine erste digitale Präsenz. (Warum jeder eine digitale Präsenz haben sollte). Dass diese eine „selbstgestrickt Umgebung“ sein sollte und „die Wahl der Tools und Formate den Lernenden überlassen werden“ sollte, versteht sich für mich fast von selbst. Denn man arbeitet nur gut, wenn man sich mit den Werkzeugen wohl fühlt. Wobei sich Wunsch und Realität nicht immer ganz in Einklang bringen lassen.

Doch jetzt kommt der richtige Knackpunkt. Dozierende regen einen Austausch über informelle und berufliche Lernprozesse an und bieten Angebote zur Verknüpfung unter den Lernenden an. Vernetzung und Austausch. Anregen. Der Dozierende. Oder vielleicht in diesem Zusammenhang: Der Lerncoach. Denn er sollte ja nicht mehr so viel dozieren. Doch wie regt er an? Kann Vernetzung und Austausch „beordert“ werden? Nein, dass das nicht funktioniert, zeigen die vielen fast leeren Enterprise Social Networks, die Firmen in bester Absicht ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Noch schwieriger macht die Situation in der Lehre die beschränkte Anzahl potentieller Teilnehmer. Ausgehen davon, dass in einer Community nur 1% der Mitglieder aktiv sind, wären dies bei 100 Lernenden eine Person.

Es gilt also, genau zu betrachten, was in diesem Kontext möglich ist und wie es erreicht werden kann. Lernende dazu zu animieren, sich selbst Quellen zu suchen, ist dank Google und Co keine unlösbare Aufgabe. Auch die Erstellung einer Lernplattform, um diese Inhalte oder eigene Arbeiten zu präsentieren, sollte realisierbar sein. Doch nun kommt der Kitt ins Spiel: Die Sozialen Medien zur Verknüpfung der Lernenden für den Austausch untereinander, aber auch ihrer Vernetzung nach aussen zur Erweiterung der Lernumgebung von reinen Suchresultaten zu inspirierenden Quellen und für das Teilen eigener Arbeiten. Mit dem zusätzlichen Anspruch, dass das Tool vom Lernenden selbst gewählt werden kann.

Schema einer persönlichen Lernumgebung im Sinne des persönlichen Wissensmanagements. Über die sozialen Medien werden Inhalte gefunden, auf der persönlichen Plattform verarbeitet und wiederum über die sozialen Medien geteilt. Dabei entsteht ein digitales Portfolio und eine digitale Präsenz.

Ich behaupte jetzt mal: Das geht so einfach nicht. Aber: Man kann die Lernenden wenigstens dazu hinführen. Voraussetzung 1: Der Lerncoach ist ein Vorbild, hat eine eigene persönliche Lernumgebung und ist auf den Sozialen Medien sehr aktiv. Er vernetzt sich mit seinen Lernenden und bindet sie ein, gibt ihnen Feedback, so dass sie ein erstes Gefühl fürs Social Learning kriegen. Voraussetzung 2: Hinter dem Lerncoach steckt bereits ein (kleines) Netzwerk, welches ebenfalls mit den Lernenden interagiert und somit ihre Lernumgebung erweitert. So können die Lernenden die Möglichkeiten der Vernetzung erleben und motiviert werden, selbst weiterzusuchen. Voraussetzung 3: Der Lerncoach übt mit den Lernenden Empathie und Grosszügigkeit. Sie sollen dafür sensibilisiert werden, dass ein Netzwerk nur dann funktioniert, wenn die Arbeit von anderen anerkannt wird und wenn man eigene Beiträge leistet. Sie sollen lernen, wertvolle Quellen zu würdigen, in dem sie Kommentare hinterlassen, oder eigene Ideen oder Arbeiten vorzustellen und für Kommentare offen zu halten. Beginnend in der Gruppe der Lernenden, aber dann unbedingt anzuwenden auf die erweiterte Lernumgebung. Voraussetzung 4: Der Lerncoach diskutiert mit den Lernenden ihre persönliche Plattform nicht nur unter dem Aspekt des „Lernfortschrittes“, sondern im weiteren Kontext des digitalen Portfolios und der Wichtigkeit einer digitalen Präsenz für ihre weitere Laufbahn und dem Arbeiten in einer digitalisierten Welt. Somit soll die Lernumgebung vom- je nach Alter der Lernenden- belastenden Begriff „Lernen“ abgekoppelt und ein längerfristiger Sinn vermittelt werden.

Um sich auf diese Reise einzulassen, braucht es viel Kompetenz und Offenheit nicht nur vom Lerncoach, sondern auch von den Lernenden. Wieviele der Lernenden dazu bereit sind, beziehungsweise wie lange es brauchen wird, bis diese Art von Lernen nicht mehr als exotisch und anstrengend wahrgenommen wird, wird sich im nächsten Jahrzehnt zeigen. Ich bin gespannt!

Demenz oder Doping? Social Media in der Weiterbildung

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